Donnerstag, 2. Mai 2013

Meine Erinnerung durchzuckt ein langsamer, stechender Schmerz.

Ich habe nun ein neues, ein anderes Leben.
Und gleichzeitig ist es mehr denn je mein altes Leben, das ich zuvor zurückgelassen hatte.Bilder von vor einem Jahr durchfluten mein Bewusstsein, in meinen Träumen vermischt sich Altes mit Vergangenem, Zurückgelassenes mit Neuem.

Etwas in mir hängt an einer Erfahrung, eine Hoffnung auf ein Wiedersehen mit meinen französischen Kindern, und gleichzeitig durchzieht Widerstreben vor der Rückkehr mein Herz, mit seinen nagenden Zweifeln und der Angst vor dem Verlust von Vertrautheit.

Ich fürchte mich vor dem, was mich erwarten könnte, versenke mich lieber in zurückliegende Momente meiner Erinnerung, in denen ich mich der unausweichlichen, bitteren Realität nicht stellen muss.

Mein neues altes Leben ist wunderbar.
Es geht mir sehr gut, es passiert nichts aufregendes, es passiert nichts unerträgliches, was mich plötzlich aus der Bahn werfen könnte. Ich liebe und werde geliebt. Ich arbeite und bekomme meinen verdienten Lohn. Ich lebe und das Leben bietet sich mir an - mit dem Mann, den ich immer schon über alles liebe, wundervollen Freunden, interessanten Entdeckungen, einer fordernden Tätigkeit.
Und doch blendet sich diese Erinnerung nicht aus, die mich immer etwas melancholisch stimmt.
Es wird niemals wieder so werden wie am Ende meines AuPair-Jahres, ich mache mir nichts vor.
Und dennoch wünschte ich mir, die Zeit dort wäre einfach stehengeblieben. Bis ich zurückkehrte.
Ich sähe meine Freundinnen wieder, eine Freundschaft, die ich so sehr schätzen gelernt habe zu einer Zeit, in der ich so einsam war wie noch nie. Mein Zimmer wäre verlassen des Abends, ich stellte mir naiv romantisch ein Leben in Zweisamkeit vor, während ich mir im grellen und doch so weichen Abendlicht der Stadt  das Haar kämmte und französische Lieder singe.
Ich lächelte des Nachts noch über ein gekritzeltes Bild von Alice, das nur für mich gemalt worden ist, über ein neues Vorhaben von Jules, etwas aus seinen Kinderbüchern nachzubauen und zu verstehen.
Und ich würde anders leben.
Ich sage nicht 'besser', ich bin sogar überzeugt, dass ich meine Erfüllung hier in der Gegenwart gefunden habe. Aber anders.

Diese Andersartigkeit erfüllt mein Denken.
Sie lebt in mir weiter als eine kleine Hoffnung, die bleibt, bis ich das nächste Mal den Boden von Paris betrete...